Heaven Shall Burn – Interview beim Open Flair Festival 2017

Rock `n`Roll ist für dumme Leute

Wir konnten ein wirklich sympathisches 4 Augen Gespräch mit Maik Weichert von Heaven Shall Burn ergattern. Alex hat mit ihm über Island, Rock’n’Roll und “Sea Shepherd” gesprochen:

Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast. Wie ist das Befinden? Ihr kommt gerade vom “Wacken”?

Maik: Ja gestern haben wir auf dem “Rocko del Schlacko” im Saarland gespielt. “Wacken” war letztes Wochenende und ja, es war super. War beides super! “Wacken” war wettermäßig ähnlich, aber tieferer Schlamm.

Wie immer beim Wacken? (beide Lachen)

Maik: jaja, wobei da hatten wir den Sonntag erwischt, das war schon ok. Heute ist offensichtlich keine Sonne, naja werden wir mal sehen. Befinden ist gut! Also klar auf jeden Fall, was habe ich schon auszustehen. Ist alles gut.

Ihr habt 2012 schon einmal beim Open Flair gespielt. Was spielt ihr lieber: so große Festivals wie das “Wacken” oder kleinere Festivals wie das “Open Flair” heute?

Maik: Das sind unterschiedliche Sportarten. Ich möchte nicht nur das Eine und nicht nur das Andere machen. Das ist so ähnlich wie mit Open Air und Clubshows. Das ist beides cool, aber schon sehr unterschiedlich. Solche Events wie heute, da sind wir zwar einer der Hauptacts, zwar nicht die Hauptattraktion, aber ist natürlich auch schon eine Art Bewährungsprobe. Wenn man die Leute überzeugen kann.

Es ist ja hier heute schon eher Punk-lastig.

Maik: Genau und dann ist es schon eher eine Herausforderung, Wobei beim “Wacken” weisst du: da stehen 60.000 Leute vor der Bühne, die dich alle abfeiern, das ist ein “Sure-Shot”. Hier ist man auch gespannt wie es ankommen wird.

2012 stand ich selber im Publikum, wie ich fand, hat das super funktioniert.

Maik: Ja das war total super, aber da war auch schöneres Wetter.

Aber es war super interessant: kurz vor Eurem Auftritt hat noch eine Alt-Herren-Kombo (Vicki Vomit & Die Misanthropischen Jazz-Schatullen) auf der Freibühne, kurz vor Euch gespielt. Ihr habt die wirklich weggeblasen. 

Maik: Echt?! Das ist ja auch nicht nett von uns (lacht).

Ihr habt viel mit “Caliban” zusammen gemacht, zwei Alben, seid ihr noch in Kontakt ?

Maik: Ja klar, sie sind nach wie vor gute Kumpels von uns. Diese Festivalsaison sind sie uns nicht so über den Weg gelaufen, weil sie gerade einen anderen Rhythmus haben mit der Albumveröffentlichung. Aber wir schreiben uns regelmäßig oder telefonieren. Sind echt gute Kumpels. 

Wanderer! Eure neue Platte. Was mir als erstes aufgefallen ist: das Coverfoto. Das ist auf Island aufgenommen worden und zeigt den heiligen Berg Kirkjufell. Ich bin ein riesiger Island Fan. Wie ist es zu dieser Auswahl gekommen?

Maik: Ich bin auch großer Island Fan, ich habe viele Freunde dort. Im September fliege ich wieder hin, zu einer Hochzeit. Eine Freundin von mir heiratet auf Island. Wenn du so wie ich schon fast zwanzig Mal auf Island warst, dann hast du Orte die dich inspirieren und das war einer davon. Und die Grundidee war, die Orte in dem Album abzubilden, die mich inspirieren. Unser Fotograf Christian Thiele ist der beste Landschaftsfotograf in Deutschland, den habe ich da einfach mal hin geschickt, er sollte dann da Fotos machen. Dass es dann Kirkjufell geworden ist, lag daran, dass es das coolste Bild war.  Hätte natürlich jetzt auch Landmanalaugar sein können. Eigentlich sieht es aus wie ein Applescreen Saver (lacht). Es ist eins der schönsten Bilder, die ich von dem Berg bis jetzt gesehen habe. Selbst die Postkarten sehen nicht so gut aus, wie unser Coverbild. Das war schon ein cooler Treffer. Wir hatten auch schon andere Coverkandidaten wie Dyrhólaey.

Die drei Finger?

Maik: Ja zum Beispiel, die sind dann aber irgendwo anders im Layout des Albums zu finden. Waren schon noch einige coole Bilder dabei.

Hast du einen eigenen Lieblingsort auf Island?

Maik: Ja, ich hatte bis vor einiger Zeit meinen Favoriten: Ich war am liebsten an dem schwarzen Strand (Reynisfjara) bei Vik, aber da haben sie jetzt auch einen Souvenirshop und ein Restaurant gebaut und das ist total scheiße. Ich war das erste Mal vor fast zwanzig Jahren auf Island. Da war die Flughafenstraße von Keflavik nach Reykjavik rein eine einspurige Piste und nun sieht man, wie touristisch alles geworden ist.  Es gibt in Hafnarfjörður, das ist im Großraum Reykjavik, eine eigene Ortschaft: einen Park der nicht bebaut werden darf, weil Elfen dort wohnen, der ist mitten in der Stadt. Den Ort mag ich am liebsten. Eine Freundin von mir, ihre Eltern haben ein Sommerhaus wo wir oft sind. Das sind so meine Lieblingsorte. An den Westfjorden ist es auch sehr schön, weil es noch nicht so überrannt ist, da kommen wenig Touristen hin.

Ich war dieses Jahr auch dort und der Massentourismus bringt zwar Geld ins Land, aber es nimmt eben die Magie.

Maik: Total!

Zwischen “Veto” und “Wanderer” sind 3 Jahre vergangen. Gab es einen Grund für diese lange Albumpause? Normalerweise bringt man ja ein Album pro Jahr raus. 

Maik: Ja, das machen Bands aber auch nicht mehr so oft, weil sie Geld mit dem Live-Spielen verdienen und nicht mit Plattenveröffentlichungen. Deswegen haben mittlerweile viele Bands diesen 3 oder sogar 4 Jahres Rhythmus. Und bei uns ist es so, wir fanden, “Veto” ist ein starkes Album, das könnte ruhig eine Weile im Raum stehen bleiben und sind damit weltweit getourt. Wir sind ja auch keine Band die 300 Shows im Jahr spielt, wie manche Amibands. Deshalb mussten wir, um die ganze Welt abzudecken, auch drei Jahre touren. In dem einen Jahr machste Südamerika, im anderen Jahr machste die Europatour, dann machste noch die Asientour. Es ist bei uns nicht so, wie bei den “Scorpions” die in einem Jahr alle Kontinente abfrühstücken. Wir machen das eher immer so ein bisschen gemächlicher. Da ist man schon schnell bei 3 Jahren, selbst wenn du nach 1 1/2 Jahren wieder anfängst ein Album zu schreiben, und dann der Vorlauf von der Plattenfirma, dann biste Ruckzuck bei drei Jahren.

Stichwort “Geld verdienen”, ist die Musik euer Hauptjob oder müsst ihr noch dazu verdienen?

Maik: Ne müssen wir nicht. Das läuft schon richtig gut mit der Musik. Wir wollen aber nebenher noch arbeiten, nebenher in Anführungsstrichen. Wir haben uns nie als Profiband gesehen, es ist immer noch ein Hobby, deswegen sagte ich auch, wir spielen nicht so viele Konzerte und ziehen uns da eher heraus was uns Spaß macht und das hält einen ja auch so ein bisschen am Boden. Also wenn du Kontakt auch zu normalen Menschen auf der Arbeit hast, als wenn du nur in diesem Musikbusiness unterwegs bist. Ich sag immer: Rock’n’Roll ist für dumme Leute. Uns ist es wichtig, dass wir auch noch normale Jobs haben. Wenn einem die Arbeit Spaß macht, dann ist das auch kein Problem. Und die Arbeit macht einem auch Spaß gerade dann wenn man sie nicht machen muss. Da haben wir auf jeden Fall großes Glück.

Ihr seid ja auch im Tierschutz aktiv. Macht ihr neben der Musik auch Projekte in dem Bereich?

Maik: Also unser anderer Gitarrist, der Alex, hat sich vor einiger Zeit einen Bauernhof gekauft. Der ist mittlerweile selbst eine halbe Katze. Er hat eine Notunterkunft aufgebaut und päppelt da ganz viele Tiere auf. Er arbeitet mit dem örtlichen Tierarzt zusammen. Ich arbeite auch mit einer kleinen Organisation in meiner Stadt zusammen, einer Katzennothilfe, für die mache ich auch ab und zu mal was. Ich spende da mal was oder mache hier und da mal eine Aktion. Dann haben wir gute Kumpels, die auf den Schiffen von “Sea Shepherd” mitfahren. Der Bootsmann von der “Sam Simon” ist ein alter Kumpel von uns und für die verkaufen wir Benefit-Shirts. Also da sind wir schon engagiert und das ist auch eine der Antriebsfedern für die Band. Das hat was mit unserer Weltansicht zu tun, dass wir uns mit dem Umweltschutz und Tierschutz verbunden fühlen und damit auch den Menschen das Leben besser machen wollen.

Wir haben vor Kurzem mit “Sea Shepherd” gesprochen als es um Heri Joensen, Sänger der Band Týr, ging, der sich ja für den Grind ausspricht. Es hat dazu geführt, dass sich in Deutschland viele Aktivisten dafür eingesetzt haben, dass die Tour der Band abgesagt wird. Interessanterweise ist “Sea Shepherd” infolgedessen zurück gerudert. Nach meinem Gefühl war es wohl Sea Shepherd unangenehm, dass sich eine Eigendynamik entwickelt hatte.

Maik: Heri und ich werden nie Freunde werden oder so, wir haben in der Beziehung zu unterschiedliche Meinungen. Ich selbst bin Rechtshistoriker und habe mich sehr viel mit der DDR beschäftigt, vor allem auch mit Berufsverboten und ich bin auch kein Fan davon, wenn irgendwelche Aktivisten irgendwo hinrennen und jemanden wegen seiner Einstellung, wie er sie nun mal hat, den Beruf verbieten.  Wir haben gute und starke Argumente, dass ich mich mit Heri und Leuten die auf seiner Seite sind, auf einer anderen Ebene auseinander setzen kann, als dass ich seinen Beruf und seine Existenzgrundlage ihm verbieten müsse. Damit erreiche ich ja nur, dass sich die Fronten noch mehr verhärten und gar niemanden mehr überzeugen oder mit keinem mehr normal reden kann. – Und er auch so ein Stück weit zur Heldenfigur auf Seiten der Walfang- und Grindbeführworter wird. Das soll es überhaupt nicht werden. Die Leute sollen merken was das für eine jämmerliche Tradition ist, die sowieso am aussterben ist. Die sollen meinetwegen an den Schwermetallen die im Wal drin sind impotent werden oder verrecken, wenn sie das nicht einsehen. Ich würde eher so argumentieren, als hintenrum jemanden seine Existenz schädigen. Das ist Gesinnungsstrafrecht, das sind Methoden aus dem dritten Reich. In der DDR oder auch in den USA wurde auch Kommunisten der Beruf verboten. Das sind nicht Methoden die man da anwenden muss. Wir haben auch so gute Argumente, als dass man sich da anderweitig mit auseinandersetzen kann. Es ist auch an uns herangetragen worden, dass wir uns dafür einsetzen sollen, dass auf unserer Tour Shows gestrichen werden sollen und das haben wir abgelehnt. Ich denke wir müssen uns damit anders auseinandersetzen. Ist meine Meinung, ist für manche vielleicht nicht radikal genug, aber ich sehe das so.

Vielen Dank für das tolle Interview! 

 

Single “Corium” aus der aktuellen Platte “Wanderer” (2016):