Wegen Grind auf den Färöer-Inseln: Konzertabsagen der Band Týr

Oder wie ein Protest zum Selbstläufer wurde

Natur

walViele von uns haben schon mal die größten Säugetiere dieser Welt bewundern können, ob auf Bildern oder sogar in freier Wildbahn. Auch ich durfte auf Island diese großartigen Tiere von einem kleinen Boot bewundern können und ich kann sagen, dass es ein atemberaubender Augenblick war, einen Wal in seinem Lebensraum zu erleben. Diese Tiere sind imposant und gleichzeitig graziös.

Um so erschreckender ist das, was mehrmals im Jahr vor den Faröer Inseln passiert.

Wird eine Walschule vor den Inseln gesichtet, muss eine entsprechende Meldung bei den Behörden eingehen. Diese entscheiden dann über das Schicksal der Tiere. Wird der Grindfang gestattet, werden die Wale durch Motorboote eingekreist, in die Buchten getrieben und getötet.

Tradition

In den Geschichtsbüchern wird der Grind das erste Mal im 13 Jahrhundert erwähnt. Die Färinger argumentieren, dass der Grind einen Teil Ihrer Identität darstellt. Des Weiteren soll der Grind nicht aus kommerziellen Interessen betrieben werden,

Quelle: Sea Shepherd Global
Foto: Sea Shepherd Global

sondern der Versorgung der betroffenen Jäger und deren Familien dienen.

Viele der Aussagen sind in der heutigen Zeit nur schwer zu verstehen. Die aktuelle Versorgungslage der Inseln führt eine Jagd, auf eine gefährdete Spezies ab absurdum. Auch hat das Zusammentreiben der Tiere nichts mehr mit der traditionellem Einsatz einiger Ruderboote zu tun.

Und die Musik?

Diskussion

Heri Joensen, Sänger der Band Týr, stellte sich 2012 beim Sender “Animal Planet” einigen Fragen und versuchte den Grind als human zu verteidigen. Er argumentierte, dass die Wale schnell getötet werden würden, außerdem soll es laut der International Whaling Commission (IWC) bzw der International Union for the Conservation of Nature (IUCN) etwa 800 000 Grindwale im Nordatlantik geben. Die IWC führt jedoch keine Statistiken über kleine Meeressäuger und die IUCN führt die Grindwale unter dem “Status unbekannt”.

Weiterhin argumentiert Heri, dass das Jagen der Wale legal sei, was auf den Faröer Inseln tatsächlich der Fall ist. Nach europäischem Recht, ist das Töten der Meeressäuger jedoch verboten, Dänemark subventioniert die Färöer trotzdem massiv.

Heri Joensen schrieb mit Tyr einen Song “Rainbow Warrior”, der an Sea Shepherd gerichtet war:

Our ways unchanged for centuries do dismay
Concrete hearts
Wake emotions perfect for his confidence tricks
And though we may be human we are still animals
Weakling of the food chain, the only way

Leider übersah er, dass “Rainbow Warrior” gar kein Schiff von Sea Shepherd ist sondern Greenpeace gehört. Die Zeilen des Songs geben aber seinen Standpunkt gut wieder: “…Euer Handeln wird nichts bewirken. Obwohl wir Menschen sind, sind wir immernoch Tiere…”

Proteste

Nun sollte oder besser gesagt wollte Tyr auf eine Europatour gehen. An diesem Punkt formierte sich der Widerstand. Veranstalter bzw Locations wurden durch Aktivisten angeschrieben und es wurde ein Boykott für die Auftritte gefordert. Diesem gaben auch viele Veranstalter nach. Heri Joensen teilte selbst mit, dass mindestens 4 Shows abgesagt und 3 auf der Kippe standen (Stand 14.09.2016)

Berlin (GER) “Postbahnhof” – Cancelled
Rostock (GER) “Alte Zuckerfabrik” – Cancelled
Erfurt (GER) “From Hell” – Considering cancelling
Vienna (AUT) “Viper Room” Considering cancelling
Weinheim (GER) “Café Central” – Cancelled
Cologne (GER) “Essigfabrik” – Considering cancelling
Leiden (NLD) “Gebr. De Nobel” – Cancelled

In einem weiteren Video bat er nun um Unterstützung. Der Protest schlägt nun Wellen.

Sea Shepherd begrüßt die Proteste, hatte jedoch solche Boykottaufrufe zu dem Zeitpunkt nicht in Erwägung gezogen. Die Aktion ist zum Selbstläufer geworden. Nicht nur mit positiven Auswirkungen. Aufgrund der fehlenden Erklärung seitens der Initiatoren kommen bei einigen Veranstaltern Zweifel auf. Fakten wurden verdreht und die fehlende Organisation der Bewegung bringt die Grindbewürworter in eine bessere Position.

Ein Beispiel dafür ist das Statement des “Club Wien”, welches sich gegen eine Absage des Konzerts entschieden hat. Dies geschah nicht zuletzt aufgrund des ausgeübten Druckes der Grindgegner, welche die Location auf sozialen Medien erst negativ bewerteten und dann einen Boykott der Band Tyr forderten. Auf diese Form der Erpressung ließ sich der Veranstalter nicht ein.

Position Sea Shepherd

Ich selbst habe die Konzertabsagen mit einer gewissen Genugtuung wahrgenommen, die Hintergründe klärten sich langsam auf. Wir hatten letzendlich die Möglichkeit mit Rainer Lenthe von Sea Shepherd über die Vorgänge zu sprechen.


Seit wann geht Sea Shepherd gegen die Grind Bewegung vor und welche Erfolge wurden bereits erzielt?

Sea Shepherd ist seit 1985 führend in seinem Widerstand gegen das brutale Abschlachten von Delfinen und Walen auf den Färöer-Inseln. Damals wurde erstmals darauf hingewiesen. Im Juli 1986 hat unser Schiff, die Sea Shepherd II die Färöer-Inseln besucht, um die dortige Jagd auf Grindwale zu dokumentieren und zu behindern. Kapitän Watson schickt eine Gruppe von fünf Mannschaftsmitgliedern los, um sich mit der Regierung zu treffen. Alle fünf werden ohne Anklage festgesetzt. Die Sea Shepherd II weigert sich, die färöerischen Gewässer zu verlassen, bis sich die Crew wieder auf freiem Fuß befindet. Der Zwischenfall wird in der preisgekrönten BBC Dokumentation Black Harvest verarbeitet und ausgestrahlt. Im Jahr 2011 kehrte

Foto: Sea Shepherd Global
Foto: Sea Shepherd Global

Sea Shepherd für die Operation Ferocious Isles auf die Färöer zurück und stationierte freiwillige Crews an Land und auf See. Während Sea Shepherd auf den Inseln patrouillierte, wurden keine Grindwale getötet. Animal Planet begleitete die Kampagne und machte die grausamen Bilder des Grindwalfangs einer breiten internationalen Öffentlichkeit zugänglich, als das Material im Rahmen des „Whale Wars“-Spin-Offs unter „Viking Shores“ ausgestrahlt wurde. Es gab 2014 und 2015 weitere Kampagnen auf den Färöer Inseln. Insgesamt wurden bis dato 28 Crewmitglieder von Sea Shepherd festgenommen, weil sie das Grindadráp „störten“. Viele wurden anschließend für das „Verbrechen“, Grindwale zu verteidigen, des Landes verwiesen.


Heri Joensen hat sich 2012 einigen kritischen Fragen gestellt und sich auch in Widersprüche verwickelt – er ist gleichzeitig Sänger der Band Tyr. Wird nun die Diskussion um den Grind an den Faröer Inseln zu Unrecht auf den Schultern von Tyr ausgetragen?

Heri hat sich als Sprecher der Grindbeführworter für das Gespräch damals angeboten. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er und seine Band voll hinter dem Grind stehen, eine klare Trennung zwischen Privatperson und Bandleader gab es nicht. Das Gespräch kam ja damals wohl auch nur Aufgrund seiner Popularität zustande, der Fernsehsender hatte ihn stets als Tyr Bandleader angekündigt. Dem hat er nie widersprochen. Auch in seiner Videobotschaft hat er die bereits widerlegten Äußerungen gemacht. Und er hat sich nicht distanziert, sondern sich und seine Band immer wieder in Zusammenhang gebracht. Eine solche Trennung müßte von ihm kommen. Das es einige Songs gibt, die das Thema Grind beinhalten kommt hinzu. Weder Heri noch die Band trennen das, also können wir das auch nicht aus dem Zusammenhang nehmen.

Du sagst, dass Sea Shepherd solche Boykotte nicht in Erwägung gezogen hat, ist diese Angelegenheit ungewollt zum Selbstläufer geworden?

Ich schrieb, dass wir das zu der Zeit noch nicht in Erwägung gezogen hatten. Es gab darüber intern schon Gespräche, unser Ansatz war aber, dass wir die Veranstalter anschreiben wollten. Wir waren im Grunde noch in der Findungsphase. In diesem Fall waren wir wirklich sehr überrascht. Es gab im Vorfeld keine Anfragen an uns. Sicher spielt auch eine große Rolle, das es zeitgleich wieder Tötungen von Grindwalen auf den Färöer Inseln gab. Die Sache ist zum Selbstläufer geworden, weil sich offensichtlich sehr viele Menschen Gedanken zu dem Thema gemacht haben. Letztlich sind wir zufrieden mit dem Ergebnis, alle Deutschen Konzerte sind abgesagt worden, viele Menschen sind sich erst dadurch der ganzen Problematik bewußt geworden und befassen sich nun mit der Thematik. Das ist wichtig und gut. Die Welle rollt weiter und hat sich über die ganzen Europäischen Veranstaltungsorte ausgebreitet.

Du schreibst, dass seitens der Initiatoren der Proteste keine vernünftige Erklärung zustande kommt – wenn Du die Möglichkeit hättest im Namen von Sea Shepherd eine Erklärung zu den Vorgängen abzugeben, wie würde diese ausfallen?

Was uns an der ganzen Sache wirklich gestört hat, ist das es ganz viel negative Kommentare für die einzelnen Konzertveranstalter gegeben hat. Man kann das sicher im Nachhinein nicht mehr verbessern, aber aus unserer Sicht wäre es gut gewesen, 3-4 Sätze zum Thema Walfangverbot in Europa und den Färöer Inseln zu schreiben. Die Färöer sind dänisches Hoheitsgebiet und der Großteil der Färinger sind auch dänische Bürger. Die Färöer sind kein Bundesstaat innerhalb von Dänemark. Sie haben nur eine durch die dänische Regierung erteilte Autonomie, die von Dänemark aufgehoben und geändert werden kann. Die Färöer können ihre Gesetze, mit denen sie das Abschlachten von Grindwalen schützen, nicht ohne die aktive Unterstützung und Macht der dänischen Polizei und des Militärs durchsetzen. Das Töten von Grindwalen ist illegal. Es ist in Europa illegal. Es ist in Dänemark illegal und damit ebenso illegal auf den Färöern Inseln. Folglich hätte man darauf verweisen sollen. Wenn man das in Zusammenhang mit den Auftritten der Band gebracht hätte wären viele offene Fragen schon vorab geklärt gewesen. Nicht jeder Mensch kennt die Zusammenhänge oder hat überhaupt davon gehört.

Kommt die Tatsache, dass nun Befürworter des Grind öffentlich an den Pranger gestellt werden bzw. Nachteile in ihrer künstlerischen Laufbahn erfahren, der Anti-Grind Bewegung zugute?

Künstler, Personen des öffentlichen Lebens haben auch eine Vorbildfunktion. Die Grindbefürworter finden es sicher auch nicht gut, das sich dort ein Prominenter immer wieder in Wiedersprüche verwickelt und dessen Aussagen immer wieder aufs neue widerlegt werden. Würde sich Heri neutral verhalten, dann wären diese Proteste sicher nicht zustande gekommen. In den Texten der Band gehrt es ja auch öfter mal um das Töten von Walen, es wird dort verteidigt und glorifiziert. Das darf man nicht außer Acht lassen.

Welche Art von Protest hätte sich Sea Shepherd gewünscht?

Die Dinge haben ihren Lauf genommen. Es wäre sicher besser gewesen, zuerst die Veranstalter zu Informieren, dann die Reaktionen abzuwarten und dann öffentlich dazu Stellung zu nehmen. Die ganze Sache wurde im Grunde ja noch verschärft, da die erste Videobotschaft von Heri Angriffe auf Sea Shepherd und deren Supporter enthielt, obwohl bis dahin nichts über unsere Kanäle zu diesem Thema veröffentlicht wurde. Das ist sicher ein Fall, den  es so nicht wieder geben wird. Wie schon geschrieben, als Prominenter, der offen Stellung bezieht sollte man sich seiner Worte bewußt sein. Hier gab es Reaktionen und Gegenreaktionen, die letztlich nur weitere Aufmerksamkeit auf die ganze Sache gelenkt hat. Letztlich hat es dem Schutz der Wale gut getan, und das ist wichtig.


Quelle: Shepherd Global
Foto: Sea Shepherd Global

Es bleibt zu hoffen, dass kontinuierliche Medienpräsenz und die Bemühungen von Sea Shepherd und aller weiteren Organisationen den Respekt vor Leben vor alte, verstaubte und sinnlose Traditionen stellen können. Ich hoffe, dass die aufwachsende Generation durch Bildung und Liebe zur Umwelt das Töten gefährdeter Tierarten aufhalten kann. Ja, es ist ein heikles und difiziles Thema. Das Ziel ist nicht, die Welt in einen riesigen veganen Salatkopf zu verwandeln. Es geht darum, das Töten mit einer Tradition-Rechtfertigung aus den Köpfen zu verbannen. Man kann auch zu einem Mann werden, indem man Leben rettet und nicht nimmt.