#3 – Rock in Vienna 2017 –

Alle guten Dinge sind 3 oder so. Ich persönlich habe meine ganze Hoffnung auf den dritten Tag gelegt. Nach einem sehr späten “Ein Omelett Herr Ober” und “einen großen Braunen” sitzen wir unter dem aufbrechenden Himmel des Wiener Rock in Vienna und warten ganz gespannt auf die heutigen Rockbands. So viel sei gesagt, wer denkt das Deichkind so eine olle Hiphop Kombo mit drei Mikros und drei Dummdödeln von Mikrophone Checkern sind, der hat sich gehörig vertan.

Also Kameras in Folie eingepackt und auf in den Fotograben zu “ITCHY” ohne Poopzkid. Ich fand den Namen ja immer ziemlich blöde, also haben sie alles richtig gemacht, indem sie Anfang diesen Jahres sich dem Poopzkid entledigt haben. – Vielleicht sind sie ja auch erwachsener geworden.

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Itchy

Und zack drängte sich der zweite Gedanke auf  wie bei jeder Punkrock Band: Schon wieder einer dieser witzig poppigen Punkbands, die sind eh alle gleich kacke. Weil ich manchmal auch ziemlich Musiknazimäßig unterwegs bin, stemple ich gerne gewisse Genres wie Punkrock ab, außer Skate-Punk weil den mag ich ja. Man kann sich auch als Schreiberling nicht von Sympathien und Geschmack frei machen, jeder der was anderes behauptet ist ein Lügner. Jedenfalls stehen diese drei Pop-Punk-Rocker da oben auf der Bühne und unterhalten ziemlich gut die 18 Männekes vor der Bühne. Doch plötzlich taucht da so ein fülliger Typ mit einem abgeranzten Gitarrenkoffer auf, hüpft die Bühne gekonnt hinunter und läuft in die Mitte des Fotograbens und wartet. Nur auf was wartet der? Kurzer Hand steht Sänger und Gitarrist “Sibbi” auf dem von Händen getragenen Gitarrenkoffer und schmettert seine Show hoch oben mitten im Publikum, als wäre es das Normalste auf der Welt. Mehr Rock `n`Roll geht ja gar nicht, dachte ich so. Alle Fotografen in heller Aufruhr und das Publikum war damit beschäftigt den Gitarrenkoffer zu tragen. Da passt das Adjektiv abgeranzt auch nicht mehr so ganz sondern abgetanzt zum Gitarrenkoffer.

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Donots

Doch dann endlich mein ersehnter “Festival-Punk-Rock-Special-Fotografen-Moment” die “DONOTS”. Ein bißchen Heimat im Ausland waren die Jungs aus Münster für uns. Donots eigenen sich ja immer bestens für einen Opener. Ich habe die Brüder aus Ibbenbüren schon sehr oft live gesehen und immer wurde der ganze Club abgerissen bis der Schweiß von der Decke tropfte. Auch dieses Mal gaben sie alles, nur der Mob vor der Bühne wusste nicht so recht, was er damit anfangen sollte. Würden wir einen Publikums-Preis verleihen in der Kategorie “gebührendes-Abfeiern-einer-großartigen-Band” wäre dieses Publikum nicht der Gewinner geworden. Wir hatten jedenfalls eine Menge Spaß mit den Donots.

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Monster Magnet

Einige Minuten später beschallte ein ganz anderer Sound das Festivalgelände, und verzauberte die Wiener Donauinsel in einen 80`er Krautrock-Grunge-Spacerock Mix der den einen oder anderen aus den Latschen kippen ließ: MONSTER MAGNET live und wahrhaftig. Monster Magnet sagten wohl einmal selbst über ihre Musik, dass sie größtenteils ihre Inspiration über psychedelische Drogen einholten, schließlich war Dave Wyndorf bekannt für seine Drogenexzesse. Seitdem er abstinent lebt ist auch das psychedelische aus der Musik von Monster Magnet verschwunden. Dennoch, Monster Magnet hat einen unvergleichlichen Sound, der an alte Zeiten erinnert, aber irgendwie gleichzeitig zeitlos erscheint. Schließlich haben die Herren ein ruhmhaftes Bühnenleben von mehr als 20 Jahren hinter sich und rocken nach all dem noch ordentlich die
Wiener Jungend in Grund und Boden. Soundtechnisch ist sie bisher die stärkste Band des Festivals. Aber das ist noch längst nicht alles an musikalischen Hochgenuss.

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In Extremo

Das nächste Schmankerl steht schon auf der Bühne: IN EXTREMO. Eine Band die so gar nicht mein musikalisches Gehör umschmeichelt. Aber dennoch, wer auf Pfundskerle mit Nautischem Wortgefecht und heroischer Attitüde steht, der wird bei IN EXTREMO bestens unterhalten. Marktsackpfeife, Geklimper und die tiefe Stimme von Michael Robert Rhein aka das letzte Einhorn ergeben einen wohl typischen Sound des Mittelalter Rock. Da zieht sich in mir alles zusammen, was sich zusammenziehen kann. Dennoch fordern die leichten Rhythmen den ein oder anderen zum tanzen auf. Die Texte aus lyrischer Seemannsmelancholie zusammengebastelt, vorgetragen mit der männlichsten Stimme (wohlgemerkt: Michael Robert Rhein der sich das letzte Einhorn nennt) überhaupt, wirkt das alles grotesk und macht die ganze Dudelsack ehhhh Marktsackpfeifen Szenerie zu einem einzigartigen Erlebnis.

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Rock in Vienna 2017 -Deichkind-von Florian Matzhold

Um dem Wahnsinn die Krone aufzusetzen gibt sich zu guter Letzt eine Kombo namens Deichkind die Ehre. Was nun passiert geht unter keine Kuhhaut. Vorab: wer im Königsgewand stilbrechend in einer Sonnenbank Ergoline3000 die Bühne betritt, hat meines Erachtens nach alle Rekorde der grotesken Szenerie bei einem Rockfestival gebrochen, die es nur geben kann. Ich kann mir nicht vorstellen mit wie vielen Bussen und LKW`s diese Band mittlerweile einreisen muss, um dieses Bühnenbildmonstrum zu verstauen. Die Sonnenbank ist eine Sache, aber jeder Song verbirgt eine riesige Partykulisse, die man sich in den wahnsinnigsten Träumen nicht ausmalen kann. Memo an mich: Je schlechter die Musik desto größer muss die Show sein. Und wenn Deichkind eins kann dann ist es Show. Der Kombo fehlt es nun wirklich nicht an Kreativität. Wer in einem riesigen angemalten Fass durch die Menge getragen wird, der muss einen an der Waffel haben. Diese Hip-Hop-Kombo hat es drauf gesellschaftskritischer denn je zu sein: Markante Texte in Verbindung mit einem bombastischen Bühnenbild! Wer es dann noch nicht verstanden hat, dem ist auch nicht zu helfen. (Deichkind Fotos mit freundlicher Genehmigung von Florian Matzhold)

Fazit: Je größer die Show, je schlechter ist eigentlich die Musik. Gerade beim Rock im Vienna wurde uns gezeigt, wie groß heutzutage eine Festival Show sein muss um den Konsumenten vollends in den Bann zu ziehen. Musikalisches Soundgefrickel ist scheinbar nur noch was für Nerds und hat kaum noch was auf einem großen Festival zu suchen. Wir haben deutlich mehr POP-Musik und Show erlebt als erwartet. Dafür haben wir gezwungenermaßen auch Bands wie Deichkind und Macklemore gesehen, die indem was sie tun wirklich gut sind, wir uns aber vermutlich niemals aus persönlichen Interesse angeschaut hätten. Dennoch hätte ich als zahlende Kundschaft deutlich mehr an Rockmusik Größen erwartet. Ein Abstecher nach Wien hat sich allemal gelohnt. Die Verbindung Städtetrip und Rock-Musik-Festival hat mir sehr gut gefallen. Über eins muss man sich allerdings vorher im Klaren sein, dass der Kostenpunkt deutlich höher ist als man das sonst von Festivals erwartet. Dafür hat man extrem viele tolle Möglichkeiten, zum einen eine Stadt zu erkunden und gleichzeitig das Musik-Festival-Feeling zu erleben.