Bericht: Open Flair Festival 2017 (Eschwege)

Open Flair 2017 – mittlerweile schon die 33te Auflage des Festivals in Eschwege. Organisiert vom Open Flair e.V., hat sich die Veranstaltung etabliert und findet jährlich am zweiten Augustwochenende statt. Mit einer Mischung aus Musik- Kleinkunst und Kinderprogramm wird für jede Altersgruppe etwas geboten. Wir machen uns zu meinem, persönlich bestem, Festival des Jahres auf. Die Vorfreude auf “The Hirsch Effekt”, “Broilers”, “Billy Talent”, “Pennywise” und die gottverdammten “Heaven Shall Burn” ist riesen groß!

Die Autowelle rollt

Gefühlt hat sich die Anreisewelle in diesem Jahr etwas nach vorne verschoben, das Camp ist am Dienstag schon gut gefüllt, abends ist das Autocamping sogar schon ausgebucht. Der Stau an der Einfahrt zieht sich bis in die späten Abendstunden, was wir von unserem Stellplatz am Meinhardsee gut beobachten können. Das eigentliche Programm startet schon am Mittwoch an der Seebühne mit einem Überraschungsauftritt von “Sondaschule”. Auf dem Weg fällt uns auf, dass die aktuelle Sicherheitslage auch am “Open Flair” nicht spurlos vorbei geht – auf der Hauptstrasse sind Betonklötze aufgestellt. Eines vorweg – das Festival ist völlig problemlos und ohne Zwischenfälle verlaufen.

“Blockheads” sorgt für gute Stimmung auf dem Platz, trotz der relativ frühen Uhrzeit ist das Gelände bei bestem Festival Wetter gut gefüllt. Es folgt “Versengold”, eine Mittelalter – Folkband. Das Album “Funkenflug” ist gerade auf Platz 2 der deutschen Albumcharts eingestiegen. Überraschung des Tages ist für uns “Marathonmann”, feinster Post-Hardcore aus München, die mit schönen poetischen Texten den Zuhörer in ihren Bann ziehen. Diese ertönende Melancholie in der Abendsonne ist ein Mix, den ich immer wieder auf Festivals genieße – untergehende Sonne, ein noch nicht völlig überfülltes Gelände und genau diese Art von Musik dazu.

Die beiden Headliner des Tages “Danko Jones” und “Madsen” liefern solide ab. “Danko Jones” weist die Besucher nochmal drauf hin, nur ihn statt dem aufblasbaren Einhorn, was durch die Menge fliegt, anzuschauen. Er sei nämlich das einzige Einhorn. Kurz darauf ist das Gummispielzeug verschwunden und ich frage mich, ob das Ganze nun mit einem Augenzwinkern zu verstehen ist, oder nicht. “Madsen” setzen ein Zeichen mit einem Cover von “Black Hole Sun” (“Soundgarden”).

Und dann kam die Sintflut

Was diverse Wetterapps vorhergesagt haben, bewahrheitete sich am Donnerstag Morgen. Der Tag beginnt mit Regen, noch ist man guter Dinge “hört schon gleich auf”. Aber das klappt nicht ganz… Der Donnerstag wird wieder an der Seebühne verbracht, “Kyle Gass Band” und “In Extremo” sind die Highlights des Tages. Trotz des heftigen Regens bei “In Extremo” ist der Platz voll. So manche Zeitungsredaktion drückt sich vor dem Wetter und schreibt am Folgetag von mauen Besucherzahlen aufgrund des Wetters. Allerdings bleibt der Fotobeweis aus – wir waren vor Ort und können dem mit reinem Gewissen widersprechen!

Auf zum Hauptgelände!

Es ist Freitag, es ist immernoch nass. An so viel Regen können wir uns in den letzten fünf Jahren “Open Flair” nicht erinnern. Aber heute öffnet endlich das Hauptgelände mit der HR3 und der Freibühne. “Kind Kaputt” macht den Tagesopener. Es geht dann weiter mit “Smile and Burn” auf der Freibühne.

“Warum liegt hier eigentlich Stroh?” – Der Veranstalter trotzt dem Wetter und dem Schlamm vor der Freibühne mit großzügig verteiltem Stroh. Ein wunderbarer Anlass für den Frontmann von “Smile & Burn”, das Publikum aufzufordern ein wenig von dem Zeug durch die Gegend zu werfen. Erste Gänsehautmomente stellen sich daraufhin ein. Die Highlights des Tages stehen aber jetzt schon fest – das Interview und die Show von “Heaven Shall Burn” und natürlich die “Broilers”.

“Pennywise” spielt zu einer relativ frühen Zeit. Trotzdem ist das Gelände vor der HR3 Bühne voll, überhaupt wird dem Wetter heroisch getrotzt. Dafür habe ich wirklich großen Respekt gegenüber allen Besuchern, die bei Wind und Wetter die gute Laune nicht verloren haben. Wir dagegen, waren oft damit beschäftigt die Kameras und Objektive zwischen den Auftritten der Bands wieder trocken zu legen.

“Heaven Shall Burn” legen den Platz, wie erwartet, in Schutt und Asche. Marcus Bischoff muss, wie er sagt, sich aufgrund der Wassermassen und dem rutschigen Boden auf der Bühne, etwas zurückhalten. Davon merkt man aber nichts. Eine fette, energiegeladene Show mit extrem sauberen Sound. Kein Gematsche, ein klarer auf den Punkt gebrachter Sound. Ich habe die Band schon 2013 auf dem “Open Flair” gesehen und der erste Liveeindruck hat sich völlig bestätigt – man muss diese Band live gesehen haben. Circle Pits, eine Wall of Death und unzählige Crowdsurfer. Ein Augenschmaus vom FOH Turm. Es war einfach eine fette Show!

Ungewohnte Stille

Samstag, beim Aufwachen prasselt nichts mehr gegen das Dach des Wohnwagens. Wie ungewohnt! Der Tag verspricht feinsten Art-Rock aus Hannover mit “The Hirsch Effekt” (Interview demnächst bei uns). Die Jungs sind definitiv die Band, mit den meist gespielten Tönen auf dem “Open Flair”. Das neue Album “Eskapist” ist am 18.8.2017 erschienen.

“Itchy” hat 2017 mehr Glück, als in den vergangenen Jahren. Beim ersten mal in Eschwege rutschte er auf der Bühne aus und es ging direkt ins örtliche Krankenhaus. Beim zweiten Versuch auf dem “Open Flair” gab es eine Blutvergiftung und wieder einen Besuch im Eschweger Krankenhaus. Für dieses Jahr hat er versprochen sich noch etwas zu überlegen. Das Einhorn taucht beim “Itchy” Auftritt wieder auf. Diesmal von einem Security geritten – worauf Sibbi anmerkt, dass es hier die absolut coolste Security gibt. Das bestätigen wir! “Heavy Secure Rocking Crew” ist eines der Highlights des “Open Flair”. Die großen Männer in schwarz tanzen mit, haben immer ein Lächeln auf den Lippen und sind sogar als Crowd Surfer zu finden.

Bei “Billy Talent” findet sich eine schier unglaubliche Menge vor der HR3 Bühne. Leider mit einigen negativen Seiteneffekten – so muss Benjamin Kowalewicz die Menge mehrmals auffordern, nicht von hinten zu schieben. Es werden einige bewusstlose Besucher aus der Menge gezogen, die Situation beruhigt sich aber nach einigen Songs wieder. Es gibt einen sehr emotionalen Moment, als “Billy Talent” einen Song Chris Cornell und Chester Bennington widmen. Es gibt einen Kommentar zu den Ereignissen in Charlottesville. Benjamin sagt, dass zur Zeit sehr viele hässliche Dinge auf der Welt passieren und man doch lieber aufeinander aufpassen sollte. Ein sehr passendes Schlusswort zu einer mitreißenden Show gekrönt von einem Feuerwerk über dem Landgrafenschloß.

Wir bleiben aber noch bei einem Highlight hängen – “Blues Pills” spielen noch zu später Stunde auf der Freibühne. Die schwedische Psychodelic-Rock Truppe zieht uns vollständig in ihren Bann. Absolut authentisch, großartige Frontfrau, die über die ganze Bühne springt, tolle Gitarrenarbeit. Hier entsteht wieder das Gefühl, dass die Uhrzeit und Stimmung im Publikum perfekt zu der Band bzw. der Musik passt. Ein Tagesabschluss wie er nicht besser sein könnte!

Entschuldigen Sie bitte, haben Sie vielleicht Gehörschutz?

Der Sonntag zeigt sich von der besten Seite – die Sonne scheint, es ist warm und endlich hat man eine Gelegenheit etwas aufzutrocknen. “Blacklist Ltd” eröffnet den Tag, wir treffen später den Sänger Ronny Balnus auf dem FOH Turm bei der Show von “Biffy Clyro” – eine nette Unterhaltung und eine Verabredung zu einem Interview folgt.

“Biffy Clyro” holt mit dem Set das ganze Publikum ab. Hits wie “Biblical” oder “Black Chandelier” werden lauthals von der ganzen Menge mitgesungen. Eine schöne Atmosphäre und für uns der eigentliche Sonntagsheadliner. Aber es fehlt ja noch “Rise Against”. Nun ja, ich habe die Truppe vor zwei Jahren schon mal verpasst – damals hat uns ein ziemlich heftiger Sturm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Umso mehr freute ich mich auf die Show. Leider wurde man bitter enttäuscht. Der Sound war eine Katastrophe, in der Regel schaue ich Konzerte ohne Gehörschutz – das war diesmal kaum auszuhalten. Die Höhen waren so aufgedreht, dass man das Gefühl hatte, dass der Kopf jeden Moment explodieren könnte. Als wäre der Sound nicht genug, Tim McIlrath lag oft leicht neben dem Beat. Die einzigen Songs, die vernünftig anzuhören waren, waren die akustischen Lieder.

Trotz der Enttäuschung bei “Rise Against” – das “Open Flair” ist und bleibt das Festival mit einer einmaligen Atmosphäre. Es ist eine Kombination aus der Lage mitten in der schönen, kleinen Stadt. Den Einwohnern, die sich sichtlich jedes Jahr auf das Event freuen und vorbereiten. Den entspannten Besuchern, die dieses Jahr trotz dem schlechten Wetter mal wieder ein Fest gefeiert haben. Der weltbesten Security – wo sonst kann man auf einem Festival crowd-surfende und lachende Aufpasser finden? Und zu guter Letzt der perfekten Organisation. Für uns steht fest – wir lieben das “Open Flair” und kommen nächstes Jahr wieder!